Bleibt’s vernünftig!

  

Wenn ich die Nachrichten verfolge, spüre ich: Wir werden ungeduldig. Die Corona-Beschränkungen gehen uns mittlerweile auf den Wecker trotz Lockerungen und langsamer Rückkehr zur Normalität. Aber, das ist’s ja gerade: Uns geht‘s  z u  langsam. Das ist verständlich nach drei Monaten Ausnahmezustand. Wir können das Wort „Corona“ nicht mehr hören. Es ist Sommer. Wir wollen endlich wieder ein bisschen Fest erleben, ein kleines Bierzelt vielleicht, Party wenigstens im Freien mit Stehtischen, wenn schon nicht am Biertisch. Was wollten wir nicht alles feiern: Johannisfeuer, Gründungsfeste, Volksfest … ,

die Festspiele im Landkreis – Nichts geht – zumindest nicht im geplanten Rahmen. Die Ferienzeit steht bevor und wir sehen unsere Felle davonschwimmen. Die schönsten Tage des Jahres nur eingeschränkt und eingezwängt in Schutzkonzepte statt mitten im Partyvolk der Urlaubsdisco verbringen? Nein, danke! Dann lieber zu Hause bleiben – aber glücklich dürften hier auch nur die sein, die es sich im eigenen Garten gemütlich machen können. Stattdessen Radfahren und Wandern ist auch nicht jedermanns Sache. „Man müsste doch da nachhelfen, dass alles ein wenig schneller geht! Unsere Nachbarländer lockern schon viel mehr!“, denken nicht wenige. Also muss Druck aufgebaut werden. Es gibt Demonstrationen, wo demonstrativ die Abstandsgebote nicht eingehalten werden und auf Schutzmasken verzichtet wird. „Wir wollen unser (altes) Leben wieder!“, skandieren die Leute. Das ist ihr gutes Recht. Das Verständnis der Politiker und die gleichzeitigen Warnungen der Virologen, „das bisher Erreichte und vor allem die Gesundheit und Menschenleben nicht aufs Spiel zu setzen“, nehmen viele nicht mehr ernst. Wenn das mal gut geht! –

Vielleicht hilft ja eine Geschichte gegen diese fahrlässige Ungeduld: „Ein Mann hatte seinen Acker gut vorbereitet, gepflügt und gesät. Ein paar Wochen später wunderte er sich jedoch sehr, denn die Saat ging zu langsam auf. Sein Nachbar war viel erfolgreicher, obwohl er zur gleichen Zeit ausgesät hatte. Von Tag zu Tag wurde der Bauer ungeduldiger, das raubte ihm den Schlaf. Eines Nachts hatte er einen Einfall. Am kommenden Morgen lief er auf sein Feld und begann, die kleinen zarten Halme etwas in die Höhe zu ziehen. Eine sehr mühsame Arbeit, aber schließlich schaffte es der Bauer und ging völlig erschöpft nach Hause. Auf dem Heimweg traf er seinen Nachbarn. Begeistert vor Freude erzählte er ihm, dass er seinem Korn beim Wachsen nachgeholfen habe. Überrascht und von Neugier geplagt wollte der Nachbar zu dem Kornfeld, um zu sehen, wie das geht, dem Korn beim Wachsen nachzuhelfen. Leider war der Anblick des Kornfeldes eine böse Überraschung. Alle Halme lagen am Boden, waren ohne jegliches Grün. Die Ungeduld des Bauern hatte die Saat vernichtet.“

In diesem Sinn halte ich es lieber mit ein paar Versen aus dem biblischen Buch Kohelet, Kapitel drei: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen.“

Ein Gebet des US-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr möge uns durch die nächste Zeit begleiten: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

 

Martin Kowalski